Gemina (group)

Associazione Culturale C.AR.M.E., Brescia 2018

Gruppenausstellung mit José Antonio Olarte, Anna Madia

www.carmebrescia.it

SLIGHT#2, 2018, Ventilatoren, PE-Folien, Relais


BLACK VIDEO, 2018, video still

 

Poesie des Immateriellen

von Julia Reichelt, M.A.
Kunstforum der TU Darmstadt

Sound – Folie – Ventilatoren, mehr braucht es nicht, um einen erzählerischen Raum zu schaffen. Die Künstlerin Karwath+Todisko führt uns mit der Installation Slight#2 sinnbildlich vor Augen, wie mit minimalen Mitteln eine maximale Wirkung erzielt werden kann: Sie abstrahiert den Raum mit künstlerischen Mitteln, verdichtet seine Atmosphäre, schenkt ihn dem Betrachter poetisch aufgeladen zurück.

In ihrer Arbeit experimentiert sie mit markanten Raumsituationen, vereinnahmt die jeweilige Umgebung und holt aus ihr die größtmögliche Wirkung heraus. „Ich kann den Raum nicht in Ruhe lassen“ sagt die Künstlerin. Hängt ihre Werke ungern an die Wand, interveniert lieber direkt. „Ich arbeite mit Räumen, ich kann nicht anders.“ So wie bei ihrer Arbeit Golden#1 (2014), einer performativen Installation im ehemaligen Darmstädter Atomschutzbunker mit seiner beklemmenden Ausstrahlung.
Zu bedrohlichem Sound schweben goldschimmernde Objekte aus metallisierter Kunststofffolie in einer der ehemaligen Schutzkammern. Ein junger Mann schneidet ruhig und konzentriert an den sinkenden Objekten ein Stück der Folie ab, dann schweben sie wieder empor. Atmosphärisch dicht ist Golden#1 und die leichten, sich langsam bewegenden Folien kontrastieren die raue, düstere Schwere des Raums.

„Gib mir einen Raum und ich konzipiere eine Arbeit.“ sagt die Künstlerin, die 1973 in Darmstadt geboren wurde. An der Weißensee Kunsthochschule Berlin studierte sie Bühnenbild und Bildhauerei. Bereits während des Studiums entstehen viele Installationen sowie partizipatorische Projekte und Stückentwicklungen, bei denen sie als Bühnenbildnerin beteiligt ist. Im Jahr 2006 erfolgt die Ernennung zur Meisterschülerin von Roland Schimmelpfennig, dem meistgespielten zeitgenössischen deutschen Theaterautor. Seither schafft sie Installationen, parallel dazu entstehen Theaterräume am Schauspiel Leipzig, am Theater Oberhausen, am Mousonturm Frankfurt, an der Opéra National du Rhin in Straßburg.

Ein Projekt in Berlin sorgt für ihre künstlerische Initialzündigung:
Die Erkenntnis, dass der Raum und nicht ihre fertige künstlerische Arbeit zu Beginn stehen muss. Ein verlassenes Bürogebäude in Berlin mit sehr langen Gängen, die den Menschen am Ende des Flures kaum noch erkennen lassen, inspiriert sie zu einer kriminologischen Arbeit, bei der sie über einen Audioguide erst akustisch, dann in persona die Besucher verfolgt: persuer (1999). Auch die aufwendige Installation pandora/box (2002) ist eine erzählerische, intervenierende Arbeit, bei der sie die Sensibilität durch subtil beunruhigende und ambivalente Elemente schärft, ganz so, wie dies auch in den multimedialen Inszenierungen des kanadische Künstlerpaars Janet Cardiff und George Bures Miller geschieht.

„Was muss ich hinzufügen, um die Raumwirkung zu verstärken und die Aufmerksamkeit zu schärfen?“ fragt sie sich zu Beginn des kreativen Prozesses.
Für GEMINA bespielt sie den Hauptraum der im 12. Jahrhundert entstandenen, in den folgenden Zeiten vielfach umgebauten Kirche Santi Filippo e Giacomo in Brescia. Jetzt Ausstellungsraum betört die noch immer erkennbare sakrale Architektur mit ihrer Höhe und Leichtigkeit. Slight#2 entsteht für diese spezielle architektonische Situation. „Es muss leicht aussehen!“ hatte sich die Künstlerin im Vorfeld notiert.

Aus zwölfeinhalb Metern Höhe hängen zwei weiße Folien auf den Boden herab. Zart, flüchtig bewegen sie sich durch die Luftströme der sich unter ihnen befindenden Ventilatoren. Zu einem nicht definierbaren grollenden, wogenden Sound bauschen die Folien auf, werden zum Assoziationsraum. Sie stimulieren die Fantasie, lassen Formen erahnen, die an etwas Lebendiges, Geheimnisvolles, nicht näher Greifbares denken lassen. Durch das An- und Ausgehen der Ventilatoren bewegen sich die Stoffe, ergibt sich etwas Pulsierendes, ein Wechsel von Spannung und Entspannung.
Slight#2 ist eine Adaption von Slight#1, die für die Ausstellung Slight Show (Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin 2016) entstand. Neben der Thematik des verhüllenden Vorhangs, ist hier bereits das Herstellen natürlicher oder hergestellter Luftzüge ein werkimmanentes Thema. Wie kann ich physikalische Phänomene für meine künstlerische Arbeit nutzten? Dieser Frage geht Karwath+Todisko nach.
Wind, Luft Elektrizität, physikalische Phänomene interessieren sie. Die Freude an vermeintlich Alltäglichem, wie das Flattern von Malerfolie an einem Baugerüst im Wind, die am Anfang von Slight#1 steht, oder Lichter, die hinter einem Vorhang vorbeiziehen. „Zufällige Lichtreflexionen machen mich glücklich.“
Es sind die fundamentalen Dinge, die sie aufspürt und abstrahiert: das Licht, die Reflexionen des Lichts, die Luft, die Luftzüge. In der monumentalen, raumfüllenden Installation Slight#2 provoziert sie durch die Ventilatoren eine künstliche Thermik, die gemeinsam mit dem nicht zu verortenden Sound und den Folien ein Raumkunstwerk schafft, dessen Wirkung man sich nicht entziehen kann.

Weich wogend steht Slight#2 im Kontrast zu den geometrisch abgezirkelten Formen des Black Video (2018). Noch reduzierter als diese Installation ist Black Video ein Verwirrspiel über Dreidimensionalität. Es resultiert aus der Serie Black, die 2017 für den saasfee* Pavillon Frankfurt entstand. Ausgehend von der charakteristischen Architektur dieses Pavillons mit seiner quadratischen Grundstruktur und seinen quadratischen Fensterrahmen, nimmt Karwath+Todisko diese Formen auf, baut die Gitterstruktur als dreidimensionales Objekt nach und filmt in Black Video die Schattenzeichnung davon. Durch die abgefilmte Raumsituation entsteht eine graphische Arbeit, bei der die Grenzen zwischen Zwei- und Dreidimensionalem verschwimmen. Die Schattenzeichnung macht aus der gebauten Gitterkonstruktion ein zweidimensionales Objekt. Der Betrachter kann nicht mehr eindeutig erkennen, was er eigentlich sieht. Was entsteht sind seltsame Architekturassoziationen und die Frage: Was ist Objekt, was ist Schatten? Das leicht klirrende Rattern des Sounds erinnert an die Projektion eines Diaprojektors, bildet einen spannungsreichen Kontrast zu dem weicheren Sound von Slight#2.

Auch beim Sound arbeitet Karwath+Todisko inzwischen assoziativer: die summende Menschenstimme, die den Hintergrund für Slight#2 bildet, ist nicht mehr erkennbar. „Ich lasse mehr offene Enden als früher.“ Sie erzählt immer noch Geschichten mit ihren Arbeiten – sie werden nur reduzierter, subtiler, sind weniger fassbar. Ihre künstlerische Entwicklung geht ins Raumerleben mit immer abstrahierteren Mitteln.
So erschafft sie eine Poesie des Immateriellen.